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WA Autobio

Page history last edited by Joachim Linder 8 years, 7 months ago

 

Alexis: Autobiographik und Briefe

 


 

 

Willibald Alexis' autobiographische Fragmente

 

In Theodor Hells Penelope. Taschenbuch der Häuslichkeit u. Eintracht gewidmet sind die folgenden autobiographischen Texte von Alexis erschienen: 

 

      1. Das Nonnenkloster zur heiligen Katharina in Breslau während der Belagerung 1806. Ein Kapitel aus meinem Leben. 1837. S. 316/50. 
      2. Drei Blätter aus meinen Erinnerungen. 1839: a. Walladmor. S. 303/24.  — b. Dreimal in Weimar. S. 324/43. — c. Meine Zeitgenossen. S. 343/71. (W. Müller. W. Hauff. W. v. Normann. L. Halirsch. W. Neumann. W. Albrecht).
      3. Die Kosakken. 1840. S. 377/416.
      4. Einige Theatererinnerungen [geschrieben 1839]. 1842. S. 1/99
      5. Mein Marsch nach Frankreich. 1844. S. 1/64.
      6. Leben im Lager und vor den Festungen. 1845. S. 92/181.
      7. Mein Ardennenleben. 1846. S. 1/71.

 

Buchausgaben mehrfach, aber zumeist auf der Basis von Erinnerungen von Willibald Alexis. Herausgegeben von Max Ewert. Berlin, Concordia Deutsche Verlagsanstalt, 1897. (Die Ewert-Ausgabe wurde von Karl Emil Franzos als vierter Band in die Sammlung Aus dem 19. Jahrhundert. Briefe und Aufzeichnungen (Berlin: Concordia 1900) übernommen und ist in dieser Fassung bei Google digitalisiert: PDF).

Vor allem die biographisch-chronologische Anordnung Ewerts wurde in der Folgezeit zumeist übernommen. S. u. a. Eine Jugend in Preussen. Erinnerungen. Mit einem Nachwort und Anmerkungen von Carsten Wurm. Berlin: Rütten und Löning 1991. Diese Ausgabe rekurriert auf die Penelope-Texte und nimmt die Kürzungen Ewerts zurück, läßt aber die Theatererinnerungen aus. 

 

Alexis' Kriegserinnerungen (aus 5, 6, 7) wurden bei Reclam in den Jahren 1916 und 1937 veröffentlicht (allfällige Bearbeitungen habe ich nicht überprüft).

 

S. dazu Norbert Otto Eke: Der Kritiker in der Kritik. Willibald Alexis, das Junge Deutschland und Alexis' autobiographische Fragmente Erinnerungen aus meinem Leben. In: Willibald Alexis (1798 - 1871). Ein Autor des Vor- und Nachmärz. Hg. Wolfgang Beutin und Stein Peter. (Vormärz-Studien, Bd. 4) Bielefeld: Aisthesis-Verl., 2000. 55–80.

 

 

Briefe von/an Willibald Alexis

 

Briefe an Wolfgang Menzel. Aus: Heinrich Meisner (Hg.): Briefe an Wolfgang Menzel.Berlin: Litteraturarchiv-Ges. 1908.


Herrn Wolfgang Menzel beehrt sich der Unterzeichnete als Beweis seiner unpartheiischen Achtung die beiden Bände seiner gesammelten früheren Novellen zu übersenden. Wenn er ihn bittet die Anzeige derselben im Morgenblatte selbst zu besorgen, so geschieht dies weder mit der Bitte noch mit der Erwartung gelobt zu werden. Unsre Ansichten weichen von einander ab, wenn es die Richtung betrachten gilt, die die neuere Poesie einnimmt; in der Gesinnung und in der Ansicht über den Quell, aus dem alle Poesie schöpfen und über den Geist, der über jeder Dichtung wehen muß, hofft er mit Wolfgang Menzel einträchtig zu sein. Wollte derselbe seine abweichende Ansicht über die neuere Novelle der Beurtheilung dieser Buchproben anschließen, würde sich ihr Verfasser geschmeichelt fühlen. Unter Versicherung wahrer Hochachtung

Berlin den 12ten März 1830

W. Haering

 

Berlin, den 10ten Juli 1830,

Ich hätte eher des Himmels Einfall als diesen Brief erwartet, von einem Manne, den ich achte, sehr achtete und dem ich die deutlichsten Beweise davon (wenn er es noch nicht weiß) geben könnte, indem ich ihm verschiedene scharfe, bittere und hämische Angriffe zusendete, die mir gegen ihn eingereicht worden, die ich aber aus Achtung für ihn und sein Bestreben zurückgewiesen habe. Ihre gebrauchten Ausdrücke rechne ich auf eine augenblickliche gereizte Stimmung und bin überzeugt, daß Sie dieselben selbst zurücknehmen würden, wenn Sie den Brief nicht am nämlichen Tage zur Post befördert hatten. Ich werde ihn vernichten, und was die Ausdrücke betrifft, als nicht geschrieben annehmen. Was die geforderte Ehrenerklärung betrifft, so kann ich sie nicht geben, da es mir nicht im entferntesten eingefallen ist Ihre Ehre zu kränken. Wenn Sie den betr. Aufsatz überlesen, werden Sie sich überzeugen, daß ich, statt Sie kränken, oder belehren zu wollen, oder was Ihnen sonst einfällt, meinem Werke unterzuschieben, im Gegentheil meine volle Achtung für Ihre Urtheilskraft — ohne deshalb mit Ihrem Urteil übereinzustimmen — ausgesprochen habe. — Wollen Sie sich, dessen ungeachtet, für gekränkt halten, so liegt Ihnen das Mittel sich zu rächen, sehr nahe, indem ich Ihnen meine Novellen zur Abgabe Ihres eigenen Urtheils im Lit. Bl. selbst zugesandt habe. Wie dies auch ausfallen mag, so versichere ich Sie im voraus, daß mich dies in meinem Versichern zu keiner Änderung bringen wird. Ebensowenig werde ich Anfeindungen gegen Ihre Person aufnehmen, als Ihr angedrohter Krieg mich hindern soll, Ihrem Talente in meinem Blatte die Achtung zu erweisen, die ich dafür hege.

Zimmerstr, 95. Ew. Wohlgeboren erg.

W. Haering

 

B. den 11ten Juli

Abgesehen von dem Briefe, mein Herr, an den ich nicht mehr denken will, heut bei ruhigerer Stimmung ein Wort über die Sache selbst. Ich habe meine Vorrede wieder überlesen und mag jetzt glauben, wie ein Mann wie Sie sich gekränkt fühlen kann, wenn er alles darin Gesagte auf sich bezieht. Ich nehme an, Sie hätten mich auf freundliche Weise, wie es unter literarisch Gebildeten sich schicken würde, zur Rede gestellt, so antwortete ich Ihnen darauf: Mir ist nichts weniger in den Sinn gekommen, als Ihnen mit der Vorrede eine Lection zu lesen oder Sie belehren zu wollen. Der ganze Aufsatz war kein Angriff, sondern eine Vertheidigung. Unter meinem nächsten Umgange, persönlich und literarisch eng Befreundeten, (ich nenne Ihnen discretionsweise Hitzig, Chamisso u. A.) herrscht diese Ansicht über die neuern Novellen, die Sie nicht als Poesie wollen gelten lassen. Ich war und bin mit meinen besten Freunden in beständigem Kampfe über Tiecks Novellen und was dahin gehört. Gegen diese Freunde (die freilich sämmtlich aus der Schlegelschen Schule hervorgegangen) die Novelle für die Poesie zu vindiciren, schrieb ich vor ungefähr zwei Jahren die Vorrede, deren Publication sich aber durch Reisen verspätet hat. Es war eine Schutz- und Trutzschrift, die ich jetzt nicht mehr für nöthig hielte, eine Rechtfertigung meines Bestrebens zunächst und nichts weniger als eine Doctrin oder ein polemisirender Angriff, — Sie, mein Herr, zu meinen, wurde ich veranlaßt, indem eben meine Freunde Sie gern als kritischen Promachos für ihre Meinung anführten. Ihre bekannte Ansicht über Göthe, die große Verehrung für J. Paul dagegen, der wegwerfende Ausdruck Kartoffelpoesie über W. Scott, Ihr gediegenes Lob Tiecks in seiner ältern Periode und dagegen die sehr kurze Abfertigung seiner neuen Novellendichtungen in Ihrer „Literatur" und besonders eine erste Kritik über seine Cevennen, worin Sie, ich erinnere mich
nicht mehr der Worte, es dem Dichter zum Vorwurf zu machen schienen, der modern historischen Weise Scotts gefolgt zu sein, außerdem manche gelegentliche Aeußerung in Ihren tadelnden Kritiken über Versuche jüngerer Dichter, auch Privatmittheilungen so eines Verstorbenen, bestimmten mich, nach dem Totaleindruck, den ich bei einer frühern, flüchtigeren Durchlesung Ihrer „Deutschen Literatur" gewonnen, Ihre Unzufriedenheit mit dem ganzen neuen Treiben der Tagesliteratur ganz besonders auf die neuere Novellenliteratur, die recht eigentlich dazu gehört, zu beziehen. Der Eindruck, den eine mit unzufriedenem Sinne abgefaßte Schrift auf einen Zufriedenen macht, ist unangenehm, er geht mit der durch das Ganze eingeeimpften Stimmung auch zu den Details. Die heftige Opposition gegen das Mittelmäßige kam mir von je unnöthig vor, weil es in sich selbst zerfällt und das wahrhaft Große und Schöne eben durch diese Folie nur gewisser und — auch schneller zur Anerkennung kommt; auch war es von je meine Lust, selbst in dem verkehrten den bessern Funken heraus zu erkennen, daher befreundete ich mich nie mit der vernichtenden Kritik. Die Ansicht hat sich vielleicht etwas modificirt. Ich bekenne Ihnen, daß ich seitdem Ihre Literatur mit andern Augen gelesen, daß Manches, was mir damals zu streng und nur aus erbittertem Gemüth geflossen schien, mir jetzt gerechtfertigter erscheint und beispielsweise Ihr Urtheil über Scott im Zusammenhange mir nicht mehr so herbe vorkommt, wie damals. Mit Ihrer Ansicht über den Roman, in Ihrer negativen Ausführung, bin ich einverstanden, und was die Novellen betrifft, will ich gern annehmen, daß Ihr Verdict nur gegen die Fabrikarbeit gerichtet war. Und noch vollkommener räume ich Ihnen ein, daß Sie [sich] etwas kräftiger und „weit kräftiger" auszudrücken wissen als ich. Ist Ihnen mit einer gelegentlichen Erklärung jener Art gedient, so bin ich gern dazu bereit. Aber auch jetzt begreife ich nicht, was die Ehre hiermit zu thun hat und wo sie nicht gekränkt ist, kann auch von keiner Repention durch eine Ehrenerklärung die Rede sein. 

E. W. ergb. W. Haering

 

Berlin, den 21ten August 1830.
Die gewünschte Erklärung werde ich mit nächstem abfassen und für die Bl. für lit. Unterhaltung einsenden. Alsdann schiene es mir die beste Form: Sie ließen diese Erklärung als Anmerkung aber unter der Anzeige meiner Novelle in Ihrem Lit. Bl. abdrucken, etwa unter der Formel: Was den Introitus zur Vorrede betrifft, so hat W. Alexis selbst in den Bl, für Lit. Unt. sich dahin erklärt. Sollte Brockhaus wider Erwarten Anstand nehmen, so lasse ich die Erklärung im Freimüthigen abdrucken, dessen Publicum sich sehr vermehrt hat, und schicke sie Ihnen. Somit wäre hoffentlich die verdrießliche Sache abgethan, in der ich mich, was ich Ihnen jetzt eingestehen muß, übereilt habe. Ich würde in diesem Augenblick vielleicht die ganze Vorrede weggelassen haben, etwas Kränkendes für Sie, das wiederhole ich hiermit feierlich, sollte indessen und konnte nicht darin liegen.
Mit aller Achtung Ihr ergebenster

W. Haering

 

Briefe an Friedrich Hebbel

 

Berlin 4. Januar 1844.
Sehr geehrter Herr!
Meine Schulden und Sünden des vorigen Jahres musternd, finde ich Ihren Brief, der gerade ein halbes Jahr und einen Monat auf Antwort wartet; unter allen zu erwiedernden Briefen der letzte, dem diese Genugthuung wird, und doch, hinsichtlich seiner Ansprüche der erste. Aber so geht es im Drange der Geschäfte – und der Welt nicht auch?— das leichter abzuthuende wird, um zu räumen, zuerst angegriffen, und so wird das wichtigere, bessere, an das wir mit Muße und Ruhe zu gehen gedenken, immer weiter in der Regel hinaus geschoben. – Glauben Sie mir, ich habe Entschuldigungsgründe, welche mich, wenn ich Sie mit der Aufzählung belästigen wollte, auch vor Ihnen genügend entschuldigen würden. Ich bin kein freier Mann mehr, seit einer Reihe von Jahren, frei gegen den Staat allerdings, dafür als Dichter und Schriftsteller in den drückendsten, beängstigendsten Fesseln eines Geschäftslebens, kaufmännischer Betriebe, in die ich mich mit dichterischem leichtem Muth, aus Gefälligkeit, Gutmüthigkeit, aus Hoffnungen, die nicht realisirt wurden, stürzte und die jetzt meine ganze Sorge in Anspruch nehmen, um nicht von ihnen erdrückt zu werden und meine Unabhängigkeit zu verlieren. Genug davon.
Ich habe Ihren Wunsch nicht erfüllt. Deshalb habe ich mich zu entschuldigen. Sofort nach Empfang Ihres Schreibens bot ich Brockhaus eine Anzeige Ihrer Genovefa für die lit. Bl. an. Er war schon damit, wie er sagte, versorgt. Die Bl. f. l. U. sind das einzige Institut, wo ich recensiere. Für ein anderes Blatt wäre die Umwandlung einer Kritik in einen Aufsatz allgemeineren Inhalts, bei dessen Gelegenheit ich Ihren Golo und seinen psychologischen Prozeß besprochen hätte, nöthig geworden, der Zeit und Muße erfordert hätte. Das Interesse, welches Ihr Drama mir damals einflößte, bestimmte mich auch dazu. Seitdem sind aber solche Hindernisse eingetreten, unter anderem wurde meine Frau lebensgefährlich krank; ich mußte mit ihr auf mehrere Monate nach Kreuznach und seit meiner Rückkehr bin ich von Gesichtsschmerzen und dringenderen literarischen Arbeiten dermaßen erdrückt, daß die gesammelten Gedanken zu dem Aussatz sich verflüchtigt haben.
Zürnen Sie mir nicht. Es wird sich eine andere Gelegenheit finden, über Ihre Wirksamkeit und Ihr Talent zu sprechen; wo sich die Gelegenheit fand auf meiner Reise mündlich darauf aufmerksam zu machen, ist es mit Freuden geschehen, denn ich habe immer mit reger Theilnahme die Entwickelung Ihres dichterischen Geistes verfolgt und hege nur den Wunsch, daß es Ihnen gelingen möge, Gegenstände zu finden, um als Dramatiker auf unser lebendiges, gegenwärtiges Publicum so drastisch einzuwirken, wie Sie dazu vermöge Ihres Talents berufen sind. Möchte ich Sie auf Immermann hingewiesen haben. Was hätte sein kräftiger Geist gleich wirken können, wenn er sich bequemt hätte, in seinen Stoffen etwas zur Gewöhnlichkeit, zur Fassungsgabe, zur Lieblingsneigung der Menge sich herabzulassen; statt solche Themata zu erwählen, solche Krisen zu bearbeiten, wo das Publicum ihm nicht folgen konnte. Freilich solche intricate, auf die Spitze getriebenen Fragen, wo der Dichter in höchster Lust entbrennt seine Kraft zu zeigen, aber nur der Dichter ihn versteht und ihm folgt! Wie viel ging in Immermann dadurch verloren! Der Dichter soll sich nicht vom Publicum bestimmen lassen. Freilich; aber wenn er auf dasselbe wirken will, sich in dessen Regionen ansiedeln. Die höchste Liebe wurde ein Mensch, und der größte Dichter, Shakspeare, behandelte die ältesten, populairsten, albernsten Mährchen, weil sie seinem damaligen Publicum mundgerecht waren. Er wußte doch, wie er dasselbe unvermerkt in reinere Höhen hinaufzog. — Ach, ich weiß wohl, es ist ein Jammer für den wahrhaft begabten Dichter, immer diese Misere vor Augen zu haben. Da sehen wir, was entzückt, hinreißt, ergriffen und allein besprochen wird, die geschraubten Roccocogefühle der Hahn-Hahn, die sentimental aristokratische Höhenpromenade der Paalzow! Ihr Brief, Ihre Gesinnung haben mich sehr erfreut, besonders aber Ihr Urtheil über meinem Woldemar. Ja, was hilft es, daß ich die Geschichte so herausgearbeitet habe, daß sie Geschichte im Roman bleibt und nicht in Geschichten zerfließt; wer liest es! Einige — die Kritik ist überall günstig, — aber das Publicum! (Das Publicum sind eigentlich nur Leserinnen!) die Leserinnen wollen Niedliches, Geschmeidiges, Interessantes — nicht große historische Gestalten, das Erz um Ihre Brust umschließt freilich auch Gefühle, die sie fähig wären mit zu empfinden; aber es ist zu unbequem, durch das Erz durchzudringen.
Ich wiederhole Ihnen, daß Ihr Urtheil über meinen Woldemar mich wahrhaft erquickt hat. Aehnliches ist schon gedruckt, aber so ward es noch nicht ausgesprochen. Finden Sie Gelegenheit, es einmal öffentlich zu thun würden Sie mich sehr verpflichten. Trotz alles Lobes sieht es traurig mit dem Erfolg aus. Es kommt mir nicht auf Lob an; an der Dichtung ist vielerlei zu tadeln, — aber gerade auf die Hinweisung der gelösten oder gewollten Aufgabe: die vermeintliche Geschichte mit Ihren Ideen zum Roman zu verkürzeu. Leben Sie wohl; wir werden wohl Gelegenheit finden uns einmal näher zu treten. Mit wahrhafter Hochachtung Ihr
ergebener
W. Haering.
Eben verließen in meinem Verlage 2 bedeutungsvolle Gedichte, die auch nicht für das gr. Publicum sind, die Presse. Jesus und Moses von S. Wiese. Ein Dichter, ganz eigenster Natur, der schwer durchdringen wird. Der Verlag ist mir Ehrensache. Finden Sie sich dadurch aufgeregt und veranlaßt irgendwie darüber öffentlich zu sprechen, so bitte ich Sie, ein Exemplar von beiden, von unserm Freunde J. Campe, auf mein Conto, zu entnehmen.

Berlin 16. Dezember 1848.
Hochgeehrtester Herr!
Auf Ihr freundliches Schreiben erst jetzt zu antworten ist allerdings eine Versündigung; rechnen Sie mir dieselbe aber nicht zu hart an. Ich war ein Mal auf dem Lande, erhielt es also später, zweitens brüte ich — in den Winter hinein — in meinen vier Pfählen, dermaßen von Staub und Kalkgeruch umweht, daß jede Zeile mir schwer wird und endlich — zürnen Sie mir nicht, besitze ich nicht mehr Ihren Brief! Holtei der ihn liegen sah, riß ihn mir mit räuberischer Wuth fort, um die Autographensammlung eines Verwandten damit zu bereichern. So mir aus den Augen gekommen hatte Ihr Brief das Schicksal mancher anderen, die in ähnlicher Beziehung an mich gerichtet waren, obwohl ich den hochgeehrten Schreiber desselben nichtsweniger als in eine Kategorie mit den Abfassern jener setzen wollte.
Diese Rücksicht macht es mir nm so schwerer, auf die Hauptfrage Ihres geehrten Schreibens, die mich gleich ehrt und erfreute, einstweilen eine ablehnende Antwort geben zu müssen. Schon von der „Presse" hatte ich zwei Mal die Aufforderung erhalten meinen nächsten Roman in ihre Spalten einrücken zu lassen, mußte aber antworten, daß der Roman, welcher nach manchen Kämpfen mit der Zeit mir wieder lebendig vor der Seele steht [mit einem Thema aus jüngster Vergangenheit, im Hintergrund Preußens Trauer Catastrophe von Iena] sich in vielfacher Beziehung für ein Oesterreichisches Blatt nicht eignet. Weiß ich doch kaum selbst noch, ob diese Dichtung zu Stande kommen, ob sie mir gelingen wird. Einstweilen aber, auch wenn ich alle Politik abgeschüttelt hätte, sehen Sie, daß ich mit dieser Aufgabe zu beschäftigt sein muß, um bestimmte Versprechungen wegen novellistischer Theilnahme an Ihrem Feuilleton geben zu können. Splitter fallen allerdings immer ab; aber ich möchte einen Fr. Hebbel doch nicht mit Splittern bedienen. Kommt Zeit, kommt Rath! Meine besten Wünsche sollen Ihr Unternehmen begleiten, und ich werde gewiß nicht die Worte vergessen, die ich Ihrer Güte im Vorwort zu Ihrer Maria Magdalena verdanke, und die mir eine wahre Herzenserquickung waren. Seitdem ist aber Vieles über mich zusammengestürzt und es gehört ganze Kraft dazu, sich wieder zu reiner dichterischer Anschauung zu erheben.
Doch liegt ein glänzendes Lichtmeer hinter mir, in dem ich mich gebadet. Ich war das ganze Revolutionsjahr hindurch in Italien, u. habe Ihrer dort oft gedacht u. des Gespräches, welches wir bei Ihrem freundlichen Besuche vor meiner Abreise pflegten. — — — — — — — — — — — — —
Wir sehen uns wohl im Leben in nicht allzulanger Zeit wieder.
                Mit der vollsten Hochachtung
Ihr
W. Haering.

 

(Quelle: Friedrich Hebbels Briefwechsel mit Freunden und berühmten Zeitgenossen. Mit einem Vorwort und einem Epilog zu Hebbels literarische Nachlaß hg. von Felix Bamberg. Zweiter Band. Berlin: Grote'sche Verlagsbuchhandlung 1892.

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